Schöne Zahlen und andere Geschenke
Dank der Begegnung mit Nancy, kannst du dir diesen Text vorlesen lassen.

Es gibt zwar solche, die ich mehr mag als andere, aber grundsätzlich mag ich Zahlen nicht besonders. Ich mag Buchstaben. So die Hierarchie meiner Vorlieben bis vor kurzem. Weil diese Geschichte aber wie jede andere in der Vergangenheit beginnt, müsste hier eigentlich stehen: Ich mochte Zahlen nicht besonders. Und vielleicht ist die Spitzfindigkeit, die in diesen Zeilen wohnt, mit meiner Ablehnung gegenüber Zahlen verbunden, die ja inzwischen schon ein wenig verblasst ist. Weil die Spitzfindigkeit eben auch in den Zahlen wohnt, fällt es mir allgemein schwer, sie bei mir zu behalten. Ich kann mir weder Telefonnummern noch Postleitzahlen merken; weiss nicht, wie alt mein Gottenkind ist, geschweige denn, in welchem Jahr geboren; war verloren im Zeitalter, bevor mein Telefon Zahlen und Menschen verband. Ich benutze heimlich meine Finger, um nachzuvollziehen, wieviel ich für Kaffee und Gipfeli auf den Tisch legen muss, wenn ich ein Lokal verlasse. Etwas in mir weigert sich hartnäckig, diese Abstraktionsleistungen zu erbringen. Die Fähigkeit meiner Finger, etwas handfest zu machen, hat mir die Bedeutung des Wortes begreifen erst richtig vergegenwärtigt. Sind meine Finger besetzt, kann ich wegen Zahlen in schwierige Situationen geraten. Kellner*innen, die – beide Hände am vollen Tablett – Kaffee und Gipfeli zusammenzählen ohne die Bestellung vom Nebentisch zu vergessen, beeindrucken mich. Besonders seit es mir nicht einmal bei einer angesichts von Regenwetter kaum ausgelasteten Sonnenterrasse gelang, Rivella und Kafi fertig so einzukassieren, dass mir Gäst*innen und Wirtin wohlgesonnen blieben.

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«Zahlen sind abstrakte mathematische Objekte beziehungsweise Objekte des Denkens (…)» definiert Wikipedia und reiht damit Wörter aneinander, die genau das Gegenteil davon ausdrücken, wie ich mir eine Beziehung mit der Welt wünsche: konkret, subjektiv, handelnd. Diese Geschichte erzählt also eine Beziehungsgeschichte von subjektivem in der Welt Handeln und – Zahlen.

Vielleicht war ich damals auf der verregneten Sonnenterrasse nicht grundsätzlich fehl am Platz. Es gibt vieles am Gastgeberinnentum, das ich mag. Zum Beispiel: dass kein Tag so ist, wie der andere, dass mir verschiedene Menschen aus ihren Leben erzählen, dass ich Teil eines komplexen atmosphärisch-interaktiven Geschehens zwischen Raum und Besuchenden bin, in dem Momente entstehen, die sich so anfühlen, als würde alles perfekt zusammenkommen. Bevor ich dieses Jahr Gastgeberin bei la chamoise wurde, musste ich also meine Beziehung zu Zahlen gründlich überdenken. Dabei waren es vor allem zwei zahlenbelastete Bezüge, die mich beschäftigten: jener zu Zeit und jener zu Geld.

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Für meine Gästinnen und mich wünschte ich mir einen Alltag, der sich weder an einem strengen Takt ausrichtet noch im Handel von Leistung gegen Geld erschöpft. Ich wünschte mir einen Alltag, der sich an Rhythmen des Zyklischen orientiert und nach einer Ökonomie der Balance strebt, die grössere systemische Bezüge mitdenkt und Beziehungen öffnet, statt schliesst. Konkret bedeutete das, dass ich meine Gästinnen und mich einlud, unseren Alltag ohne Plan und beim sich entwickeln zu erleben und jede selbst bestimmen zu lassen, was und wieviel wir beitragen wollten – auch monetär. Ein Risiko, meinten Stimmen aus meinem Umfeld. Eine Forschung, dachte ich, die mir wichtige Fragen zu Alternativen des Wirkens und Wirtschaftens ins Zentrum stellte und Antworten lieferte, die ich mir nie erträumt hätte.

Zeit ist in vielen Alltagen eine hart gehandelte Währung, ein Gut, das in einer Marktlogik gesprochen durch seine (gefühlte) Verknappung ständig an Wert zunimmt. Wenn eine Zahl bestimmt, wann ich aus dem Schlaf geklingelt werde, ist das etwas grundlegend anderes, als wenn die Sonne mich aufwachen lässt, weil mein Körper bemerkt, dass es hell wird oder weil ich höre, dass meine Mitmenschen und die Vögel vor dem Fenster schon im Gespräch sind. Wenn Zahlen als «Objekte des Denkens» natürliche Vorgänge, Beziehungsangebote aus unserer Mitwelt übersteuern, leben wir auch in einer abstrakteren, durch Zeitfenster und daran geknüpfte Aufgaben getakteten Welt. Wir entfernen uns vom begreifenden Handeln, das sich an dem orientiert, was eine Armlänge vor uns liegt. Hand-in-Hand arbeiten, leben, wirken ist per se begreifend. Es richtet sich nicht nach der Uhr und danach, welche zeitgebundene Funktion wir mit der Bewegung des Zeigers erfüllen sollten. Es orientiert sich daran, was uns eben gerade die Hand reicht, uns einlädt, ein Angebot macht, eine Frage stellt, um etwas bittet oder etwas schenkt. Damit wächst die Aufmerksamkeit für die Einladungen, die unsere Mitwelt für uns bereithält und unsere Beziehung zu ihr gewinnt an Tiefe.

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In meiner Erfahrungswelt dieser Saison entstand so Kooperation, oder, lieber gesagt: ein Hand-in-Hand-Alltag. Dieser Alltag war unterschiedlich, je nachdem, welche Hände darin tätig waren, welches Wetter durchzog, welche Stimmungen und Themen in der Luft lagen. Er war einfach zu leben, entstand mühelos und wie von selbst. Er war reich an Geschenken. Er wurde nicht zur Bürde und konnte gar nicht erst an der Unmöglichkeit scheitern, ihn vorauszusehen, zu regeln oder zu verplanen.

Es ist die Allianz von Zeit und Geld, die unsere Alltage beschleunigt. Unsere Arbeit, unser Wirken in der Welt ist geprägt von Effizienz-, Steigerungs- und Optimierungslogiken. Sowohl an der Zeit, über die wir verfügen, als auch an unserem Wirken klebt ein Preisschild. Ein Preisschild, auf dem unterschiedliche Zahlen stehen, je nachdem wem die Zeit und die Wirksamkeit zugeschrieben wird. Möglichkeiten, diese Zahlenwerte nach oben zu verändern, sind begrenzt. Das zeigt ein Blick in die Welt hinaus oder auch schon jener in die eigene Nachbarschaft. Tellerwäscher werden vor allem im feuchten Traum einer kapitalistischen Gesellschaft Millionäre. Ausserhalb dieses Traums werden Menschen mit mehr oder weniger Privilegien geboren.

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Eine Ökonomie der Balance denkt in ihrem Beitragsverständnis systemische Bezüge mit. Sie entfernt die Preisschilder von individuellen Zeitguthaben und Wirksamkeiten. Sie verteilt Privilegien um. So werden Zeit und Wirken entkapitalisiert und von Effizienz-, Steigerungs- und Optimierungslogiken befreit. Der dadurch entstehende Frei-Zeit-Raum nährt einen Hand-in-Hand-Alltag. Umverteilung befreit Privilegien aus der Logik des ungleichen, bilateralen, (ab)schliessenden Tauschhandels, der immer die gleichen begünstigt. Umverteilung erlaubt es Privilegien in grössere Bezugsräume und Beziehungsnetzwerke zu fliessen und Verbindungen wachsen zu lassen, die über simple Hin-und-Her-Transaktionen hinausgehen. Eine Ökonomie der Balance feiert die Vielfalt des Beitragens und die Vielseitigkeit von Beziehungen, die dadurch entsteht.

Angeregt durch die Idee des balancierten Haushaltens trugen meine Gästinnen auf so vielfältige und kreative Art zu unserem gemeinsamen Alltag bei, dass ich mich täglich reich beschenkt fühlte. Einen Zahlenwert – Geld – beizutragen, wurde zur bezugsreichen, komplexen Angelegenheit. Weil ich sie meinen Gästinnen anvertraute, bekam ich eine neue Perspektive auf Zahlen geschenkt: jenseits von festen Werten, orientierten sich ihre monetären Beiträge am gemeinsam gelebten Alltag oder an Ästhetik. Sie überwiesen Beträge, die einen Bezug zu unseren Gesprächen herstellten, Kombinationen von Zahlen, die mir Rätsel aufgaben, etwas andeuteten, eine Referenz machten oder solche, die einfach schön aussahen. Damit gaben sie Geld einen neuen Bezugsrahmen und verliessen die Logik der dominanten Systeme des Wirtschaftens so fundamental, dass ich nur verblüfft und staunend auf meinen bisherigen Horizont blicken konnte. Ausgerechnet meine Kontoauszüge führten mich in eine neue Zahlenwelt, deren Sprache ich faszinierend finde und gerne lerne.

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Hier, wo ich jetzt bin, ist kein abstrakter Raum des Denkens, kein utopischer Nicht-Ort. Hier, wo ich jetzt bin, bin ich eingewoben in ein Netz von Verbindungen. Ein Netz, an dem meine Gästinnen mitgewoben haben: konkret, subjektiv, handelnd. Es besteht aus Fäden, die sich kreuzen, umwickeln, verflechten und verknüpfen. Es ist ein komplexes, bewegliches und widerstandfähiges Gebilde. Es ist robuster, als es ein einzelner, noch so starker Faden je sein kann, insbesondere dann, wenn er an den Enden zum Zerreissen gespannt wird, weil beide Gegenüber versuchen, ihn ein Stück mehr auf ihre Seite zu ziehen. In dem Netz, das mich trägt, finden sich neben den schönen Zahlen, Erinnerungen, Gespräche und Geschichten, Geschmäcker und Gerüche, Farben und Texturen, geteilte Momente, Emotionen und Begegnungen. Von hier aus schaue ich dankbar auf die vergangene Saison zurück und der kommenden und meinen Aufgaben als Gastgeberin mit Freude entgegen. Ich habe erfahren, dass diese Aufgaben weit mehr beinhalten, als eine Dienstleistung gegen Bezahlung zu erbringen, so wie ich es damals beim Servieren auf der verregneten Sonnenterrasse vielleicht bereits geahnt und trotzdem erfolglos versucht hatte. Und, um die Spitzfindigkeit hier zum Schluss noch einmal einzuladen, kommen diese Aufgaben vielleicht besser aus ohne «Auf-». Denn dann werden sie zu Gaben. Gaben, die ein Netz von Verbindungen knüpfen und mich besser begreifen lassen, was dieses Netz zusammenhält. In diesem Sinne: Auf bald chez la chamoise!

Credits und Dank:

Meinen Gästinnen, dem Haus und den umliegenden Landschaften für das Netzwerken.

Robin Wall-Kimmerer & Charles Eisenstein für die Inspiration zur Bedeutung der Gabe und zu Ökonomien des Schenkens.

Nancy Stevens für die horizonterweiternde Reise. Sorry Nancy, not english (yet), but audio – thanx for inspiration!

Adi Flück für Editing und Support.

Im Kreis

Jedes Mal wenn ich hier bin, drehe ich mich im Kreis. Ich finde weder rein, noch raus. Verliere die Orientierung. Meine Freundin auf dem Beifahrersitz schaut ratlos aufs Navi. Kann es sein, dass uns diese an einem verlassenen Acker entlang führende Strasse tatsächlich dorthin bringt, wo wir wollen? Es erscheint uns höchst unwahrscheinlich. Und genau so fühlt es sich jedes Mal an hier im Emmental. Ein Labyrinth, das immer wieder anders ausschaut und sich gleichzeitig zum Verwechseln ähnlich sieht. Oben und unten, links und rechts, Hügel um Hügel. Sind wir da nicht schon mal durchgekommen?
Auf dieser Strecke sind wir unterwegs, um Häute von Tieren der diesjährigen Jagd nach Huttwil in die Gerberei zu bringen. Und, um ein paar sonstige Einkäufe zu machen. Das Emmental hat die Sorte von Geschäften, die mich interessieren – ansonsten würde ich wahrscheinlich nicht herkommen. Die Land- und Ortschaften hier drücken aufs Gemüt. Mir zumindest. Aber die Reise lohnte sich bis jetzt immer – auch heute.

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Die Gerberei ist in einem Haus beherbergt, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Ein paar einsame Schaffelle schaukeln neben dem Eingang im Wind. Die Tür ist abgeschlossen. Wahrscheinlich würde ich wieder gehen, wenn ich nicht wüsste, dass hinter der Tür Menschen arbeiten, die bis jetzt immer freundlich zu mir waren. Ich klingle. Und wie jedes Mal, wenn ich hier eintrete, begleitet mich eine Ahnung über die Schwelle, dass dieser Handwerksbetrieb in nicht allzu ferner Zukunft seine Türen für immer schliessen wird. Schwer vorstellbar, dass sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl für ein Gewerbe begeistern, das seinen Platz seit jeher am Rande der Gesellschaft hat. Zu roh ist es für die allgemeine Verträglichkeit, zu nahe seine Beziehung zur Vergänglichkeit. Manche Gerüche und Anblicke, die einem hier begegnen, sind schwer zu ertragen. Trotzdem komme ich immer wieder her, stelle Fragen und bekomme Antworten, die ich bemerkenswert finde. Die Menschen, die hier arbeiten, lesen die gegerbten Häute wie Landkarten: Sie erklären mir, dass die Haut eines Hirsches im Winter dünner ist als im Sommer, sie zeigen auf den fertig gegerbten Ledern Einschüsse und Schwangerschaftsstreifen, streichen mit den Händen über Verletzungen von Dornen und Stacheldraht und machen auf die Spuren der Hirschfliege im Nacken eines Rehs aufmerksam. Seit ich herkomme, fasziniert mich, wie die Leder die Leben der Tiere erzählen. Und, ich bin berührt, wenn ich ihre Haut und ihre Felle berühre. Es ist, als wäre ihr Leben noch darin eingeschlossen.

Ein unscheinbares Haus ein paar Hügel und Täler weiter beherbergt einen anderen Schatz von eindrücklichem Ausmass: Wir gehen durch ein Lager, in dem 20 000 Artikel in Regalen links und rechts von uns gestapelt sind. Meterhoch türmt sich die Ware auf – Artikel, die alle etwas mit Schuhen zu tun haben. Und: Sie sind alle von Hand beschriftet. Wir können es kaum fassen. Weil unser Einkaufswunsch vergleichsweise klein ist und unsere Legitimität hier zu sein dementsprechend begrenzt, fragen wir, ob wir uns trotzdem ein wenig in dieser Sammlung umsehen dürfen. Wir dürfen und zücken wie aus Reflex unsere Handys, um diese aussergewöhnliche Begegnung festzuhalten, die wir unmöglich überblicken können. Es fühlt sich ein wenig verboten an, zu fotografieren, vielleicht so, wie in einem Museum. Und natürlich schaffen es auch unsere Handys nicht, einzuordnen, was uns gerade so beeindruckt. Ist es die Anzahl der Artikel oder die Handschrift, mit der sie akribisch beschriftet wurden? Oder dieser Raum, der, ausgerechnet inmitten des labyrinthischen Emmentals von einer eigenwilligen Ordnung erzählt.

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Meine Freundin und ich sind uns einig: Zusammen mit den alten Handwerkstraditionen wohnt dem Emmental etwas Düsteres inne. Es ist schwer auszumachen, woher es kommt. Ob es die Geschichte ist, die den Menschen und dieser Landschaft eingeschrieben ist? Die bhäbigen Bauernhäuser mit ihren kleinen Fenstern und den Dächern, die fast bis zum Boden reichen und die Dunkelheit, die sich in ihrem Innern erahnen lässt? Der begrenzte Horizont in den schattigen Tälern? Als uns im Schuhbedarfslager ein uns unbekanntes Wort begegnet, das im Jargon der Schuhmacherei anscheinend so geläufig ist, dass es einen Stempel dafür gibt, müssen wir lachen. Momentschwärze. Ein Begriff, der atmosphärisch verstanden sehr gut hierher passt und gleichzeitig den wertvollen Hinweis gibt, dass jeder Moment von einem anderen abgelöst wird.

Credits und Dank:

Sue für die Begleitung an abgelegene Orte und das Teilen der Begeisterung für wundersame Begegnungen.

Der Gerberei Graber in Huttwil für das Hüten eines alten Handwerks und der Siegenthaler AG für den Einblick in das sorgfältig gepflegte Lager.

Flechtwerk

Menschen um mich herum fahren nach Südfrankreich, nach Sardinien, ins Piemont. Ich fahre heute in den Ballenberg und der Weg dorthin fühlt sich ein wenig so an wie eine Fernreise: Für die knapp 60 Kilometer Luftlinie bin ich drei Stunden unterwegs und steige vier Mal um: In Frutigen. In Spiez. In Interlaken. Und in Brienz. Das Freilichtmuseum Ballenberg ist Pilgerstätte für an traditionellem Handwerk und an alten Kulturtechniken Interessierte. An diesem Spätsommertag im August zeigt Margrit Linder, wie man aus Pfeifengras Handbesen flechtet – ein traditionelles Frauenhandwerk, das vom Aussterben bedroht ist.

Margrit ist Kunsthandwerkerin und Dokumentarfilmerin mit einer Leidenschaft fürs Flechten. Dieser Leidenschaft ist sie gefolgt und hat die Arbeiten von Flechterinnen in Borneo und in den Schweizer Alpen dokumentiert. Darauf gewachsen sind Bekanntschaften, Filme, ein reiches Repertoire an Flechttechniken und damit verbundene Geschichten. Einen Teil dieser Geschichten wird Margrit heute erzählen, während wir uns dieses von Generation zu Generation weitergegebene Handwerk anzueignen versuchen, damit es weiterlebt.

Bevor wir uns auf den Weg machen, um das Pfeifengras zu ziehen, tauchen wir ein in die Geschichten der Schmalbesen. Und die ist faszinierend und verblüffend. Wir sehen uns Bilder an von den zwei Flechtarten, die wir heute kennenlernen werden: Dem Habkern Schmalbesen und dem Urner Riedbesen. Die Hände der Flechterinnen, die mit diesen Techniken noch so vertraut waren, um sie an Margrit Linder weiterzugeben, zeigen die Spuren, die das Alter und die Handarbeit hinterlassen haben. Es scheint, als würde sich mit ihnen ein uraltes Körperwissen aus der Welt verabschieden, nun, da sie sich im Schosse der letzten Handbesen-Flechterinnen ausruhen. Welche Tradition mit diesem Körperwissen verbunden ist, wird deutlich anhand eines Bildes, das Margrit einblendet. Es zeigt einen über 1000-jährigen Handbesen, der im Gebiet der Seidenstrasse gefunden wurde. Und, die Art, wie er geflochten ist, gleicht jener aus dem Schweizer Alpenraum auf verblüffende Art und Weise. Wie kann das sein? Wenn sie könnte, würde Margrit den Handbesen aus seiner sicheren Verwahrung im Museum befreien und aufflechten, um die Technik genauer anzuschauen und dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Nun aber ist es Zeit zum Aufbrechen, um die Pfeifengräser für unsere Flechtübungen zu ziehen.

Pfeifengräser wachsen in Riedgebieten. Wenn man sie einmal kennt, meint Margrit, findet man sie überall. Gerade kürzlich hat sie die Gräser in der Berner Innenstadt begegnet, wo sie zuoberst auf dem Meret Oppenheim Brunnen wachsen, einem innerstädtischen Mikro-Feuchtgebiet. Heute ziehen wir die Halme an Steilhängen oberhalb des Brienzersees und binden sie zu Bündeln zusammen. Die Gräser wachsen hier in robusten Halmen. Fast zu dick für schöne Besen, meint Margrit und anspruchsvoll zum Flechten. Ich bin fasziniert von den Halmen und ziehe trotz dem Hinweis ein paar Dickere heraus, weil sie mir so gut gefallen. Sie sind getönt in einer Schattierung von Grün, ganz hell, dort, wo sie herausgezogen werden bis zu dunklem Violett an den Samenständen. Diesem Moment, dieser Bewegung, mit der unsere Hände die Gräser für die Schmalbesen ziehen, ihre Anmut bewundern und uns die Sonne noch einmal ihre ganze Kraft spüren lässt, wohnt etwas Zauberhaftes, etwas Friedliches inne. Der Wind trägt mir die Stimmen der Frauen, ihr Lachen und einen Hauch Wehmut entgegen. Der lange Sommer ist dabei, sich zu verabschieden. Neben uns hängen die Dolden eines Holunderstrauchs schwer voller überreifer Beeren.

Später zeigt uns Margrit die Flechttechniken, zeigt uns jene Handgriffe, die sie von Hedy Zenger aus Habkern und von Theres Arnold aus Bürglen gelernt hat. Dass Hedy die Gräser kaum eindreht und Frau Arnold den Knoten von Hier nach Da knüpft, könnte kein Youtube-Clip vermitteln. Es sind von Generation an Generation weitergegebene Handgriffe, die sich im Körpergedächtnis ablegen. Sie gehören ins weibliche Handlungsrepertoire, dienten der Herstellung von Gebrauchsgegenständen und waren über Jahrhunderte hinweg unbedeutend für die Geschichtsschreibung, wie sie traditionellerweise gepflegt wurde. Sind diese über Generationen überlieferten Handgriffe so naheliegend, dass sie in Habkern ähnlich ausgeführt wurden wie an einem weit entfernten Ort an der Seidenstrasse? Aus der Perspektive einer Flechtanfängerin erscheint mir dieser Gedanke unwahrscheinlich. Die Handgriffe erschliessen sich erst, indem sie wieder und wieder ausgeführt werden. Beim Biegen, Drehen, Flechten und Knüpfen der Gräser wächst in mir das Gefühl, dass diese Handgriffe nicht einfach einer praktischen Produktionslogik folgen, sondern dass darin die Absicht angelegt ist, etwas Schönes zu fertigen. Margrit ermutigt uns, mehrere Besen zu flechten. Ihr Antrieb, uns die Techniken beizubringen, ist spürbar, und wir flechten einen Besen nach dem andern, ohne Pause, bis alle Halme aufgebraucht sind. Drei Gruppen hat Margrit dieses Jahr angelernt, die Handbesen so zu flechten, wie sie es von Hedy Zenger und von Theres Arnold gelernt hat. Eine Handvoll Frauen und ein paar Männer. So hofft sie, dass dieses traditionelle Handwerk weiterlebt, nicht nur im Heimatmuseum oder im Dokumentarfilm, sondern durch die Hände von Flechter*innen, deren Handgriffe eine Brücke schlagen zwischen den Generationen vor und nach ihnen.

Das Geheimnis zwischen Blinzeln und Zwinkern

Es ist, als würde mir das Himmelszelt zuzwinkern. Geschieht mir das wirklich, oder ist es eine optische Sinnestäuschung, in dem Moment, in dem meine Augen blinzeln? Zwinkernd und Blinzelnd versuche ich, wach zu bleiben, schaue in den Himmel – warte. Dieser Augenblick, in dem ein Stern in einer leuchtenden Bahn über den Himmel zieht, verzaubert mich seit meiner Kindheit und erinnert mich an Sommernächte, in denen meine Schwester und ich gemeinsam in den Nachthimmel geschaut und auf ihn gewartet haben. Hast du das gesehen? Nein, wo? Dort drüben. Schau da! Wow! flüsterten wir uns zu, uns gegenseitig vergewissernd, dass wir nicht träumten, so lange bis eine von uns einschlief und wir am Morgen nicht mehr unterscheiden konnten, was uns in unserer Wachzeit und was in unseren Träumen begegnet ist. Die Magie dieser Nächte taucht auf zusammen mit dem Gefühl, Zeugin eines grossen Geheimnisses zu sein. An die unglaublich anmutende Gewissheit, zu denken, dass das Zwinkern mir gilt, mich meint, in diesem Moment, in dem ich tausende von Kilometern entfernt auf der Erde liege. Mit einem Lächeln zurückzuzwinkern: Ich habe dich gesehen. Dieser Moment aus einer langen Kette von Kindheitserinnerungen ist gegenwärtig, als ich zwischen Schlafen und Wachen in den Nachthimmel schaue und sich Räume und Zeiten vermischen.

Am Morgen rufe ich meine Schwester an, um nach ihren Erinnerungen an diese Sommernächte zu fragen. Sie erinnert sich genau und doch ganz anders: An einem Abend beim Eindunkeln hat sie den Osterhasen gesehen. Hast du ihn gesehen? Wo? Dort drüben bei der Hecke…Glaube ich nicht. Doch, er war es wirklich! Etwa so könnte unser Dialog gelautet haben. Wir lachen über die phantastische Welt, die aus unseren Erinnerungen aufscheint. Die Begegnungen, die für uns gleichzeitig unglaublich und wahrhaftig waren. An die Zeit, bevor sich die Geheimnisse langsam aus unseren Leben zu verabschieden begannen und sich an ihrer Stelle die Gewissheit breit machte, dass es bessere Erklärungen gab für die Phantasmen, die eben noch gültig waren. Nachdem für uns die Beziehung zu einer lebendigen Mitwelt selbstverständlich war, wurde sie nun in unser Inneres umgesiedelt, in die Sphäre der Imagination. Auf einmal galten unsere Verbindungen zu Osterhasen und Sternschnuppen als «blühende Phantasie», die sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden als Unreife oder Peinlichkeit entpuppte.

Wir leben in einer rationalen Welt. Sogar für die zauberhaftesten Phänomene wie Regenbogen gibt es Formeln für die Berechnung des Lichtspektrums aus denen sie beschaffen sind. Ich erinnere mich an meinen mit dem Physikunterricht verbundenen Wunsch, dieses Wissen zurückzugeben. Ich wollte nichts damit zu tun haben.

Wir lernen Entwicklung und Fortschritt, erklären Ursachen für die Ereignisse in unserer Umwelt, vermessen und rationalisieren sie. Den Status, den wir uns dadurch zuschreiben, unterscheidet uns nicht nur von Kindern, sondern auch von anderen irrational Denkenden wie Verrückten oder Unterentwickelten am andern Ende der Welt. Diese Anderswelten sind unsere Peripherien, wegweisende Referenzen für unsere prominente Stellung in Raum und Zeit. Die Folge von Intellektualisierung und Rationalisierung ist die «Entzauberung» [1], das «Verstummen»[2] der Welt und den Verlust unserer Beziehung mit ihr in «Wechselseitigkeit»[3]. Wir erschliessen uns die Welt linear, in Ursache-Wirkung-Zusammenhängen, Rezepten, Formeln, Zahlen, Daten, Fakten. Wir befinden uns im Zentrum einer in Endlosschlaufe auf uns referenzierenden Umwelt. Wer daran krankt, boostet oder diszipliniert, zerstört oder betäubt sich und seine Umgebung, so wie der Song über Ziggy erzählt, den ich gerade höre.[4]

In diesen klaren Nächten ist die Zahlen-Daten-Fakten-Welt, mein physikalisches Wissen über Spektralfarben und Sternenstaub, das ich damals im Physikunterricht gerne zurückgegeben hätte, Lichtjahre entfernt. Zwischen Schlafen und Wachen vermischen sich Räume und Zeiten und plötzlich fühlt es sich so an, als wäre ich Teil eines grossen Geheimnisses. Ich liege auf dem Rücken, schaue in die Sterne, warte, blinzle, lächle und zwinkere zurück.

 

Zum Vertiefen:

[1] Max Weber, Wissenschaft als Beruf, 1917.

[2] Hartmut Rosa, Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2016.

[3] Astrid Habiba Kreszmeier, Natur-Dialoge: Der sympoietische Ansatz in Therapie, Beratung und Pädagogik, 2021

[4] David Bowie, The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, 1972.

Mit dem Nebel gehen

Nebelschwaden begleiten mich, und ich bin dankbar dafür, dass sie da sind. Mich schauderts davor, herunter zu blicken. Bin ich schwindelfrei? Das Gelände ist steil, und in meinem Körper breitet sich die Ahnung aus, dass es schwierig sein könnte, hier abzusteigen. Der Nebel mutet mir ein Sichtfenster zu, das ich gut aushalte. Alles andere bleibt sanft verhüllt. Aus der Erinnerung weiss ich, dass ich bei Nebel nicht in die Berge gehen sollte, aber heute erscheints mir stimmig zu sein. Ich bin unterwegs ins andere Tal. Mich rufen die verschiedenen Übergänge, die Pässe, über die Menschen vor mir gegangen sind, zu einer Zeit, als das Dorf noch abgelegener war als heute. Sie haben ihre Ware transportiert, um sie auf dem Markt zu verkaufen oder um jemanden zu besuchen. Ein Pass hier heisst Chindbettipass und erinnert an die Geburt eines Kindes unterwegs. Gewiss handelte es sich bei dieser Passquerung nicht um eine Bergtour, die freie Zeit ausfüllen sollte. Welche Gründe eine Frau auf dem Höhepunkt ihrer Schwangerschaft wohl gehabt hat, um einen Pass auf 2600 Meter zu überqueren?

Vor mir gehen zwei Frauen und ein Hund. Der Hund zieht an seiner Leine und die Frau am anderen Ende gibt ihm zu verstehen, dass sie seine Kapriolen hier nicht toleriert. Über Stunden folgen wir gemeinsam dem Pfad, gehen Schritt für Schritt, langsam, aber stetig. Langsam, aber stetig, mit diesen Worten hatte mich mein Vater, den ich als Kind auf Bergtouren begleitet habe, ermahnt, wenn ich, wie der Hund an der Leine, vorausrennen wollte. Heute verstehe ich und spüre, wie sich mein Körper allmählich in die Bewegung einschwingt. Schritt für Schritt. Langsam, aber stetig. Ich gerate in einen tranceähnlichen Zustand, fühle mich auf diesem Pfad wie entpersonalisiert und doch verbunden, bin Bewegung, mein Vater, die Menschen vor mir, die diesen steilen Pfad hochgingen. Vor mir weiss ich die zwei Frauen und den Hund, die ab und zu am Rand meines Nebelfensters auftauchen.

Heute ist Bergwandern im Berner Oberland hauptsächlich Freizeitbeschäftigung. Aktive Erholung, wie es eine Leistungsgesellschaft gerne nennt. Die Beziehung zu den Bergen hat sich verändert. Sie geben die Kulisse, vor der die Besuchenden Kilo- und Höhenmeter sammeln, verlorene Kalorien zählen, Fotos mit auserwählten Hintergründen von sich machen, Gipfel oder sich selbst bezwingen. Ich stelle mir gerne vor, wie sich die uralten Riesen über dieses Treiben amüsieren. Die Ruhe und die Kraft, die sie ausstrahlen, lässt keine Missverständnisse darüber aufkommen, wer hier im Zentrum steht. Das wird spätestens zu Hause auf dem Sofa klar, wo wir sie auf den Fotos dafür bewundern, wie schön sie hinter den Menschen in verschwitzter Funktionskleidung aussehen.

Oben auf dem Pass ist es kalt, und ich ziehe alles an, was ich in meinem Rucksack heraufgeschleppt habe. Ich schaue dem Nebel zu, wie er über die felsigen Flanken aufsteigt, sie wie in einem Spiel ein- und enthüllt und eine vollständige Gestalt nur aus den verschiedenen Fragmenten erahnen lässt. Ich sehe die umliegenden Gipfel nicht und trotzdem nehme ich sie deutlich wahr, spüre ihre Anwesenheit. Das Wort Ehrfurcht fällt mir ein. Ein historisch besetzter Begriff, der meine Gefühlslage in diesem Moment doch recht gut beschreibt. Ich fröstle. Dieser Platz ist keiner zum Verweilen. Die beiden Frauen und der Hund haben auf der letzten Alp einen anderen Weg eingeschlagen. Es sind keine anderen Menschen hier. Ganz leise höre ich das Gebimmel der Glocken von Schafen, die weiter unten weiden.

Mit jedem Meter, den ich absteige, lichtet sich der Nebel und das Leben kommt in die Landschaft zurück. Zwischen den Felsbrocken begegnet mir plötzlich eine Gämswurz. Ihr Gelb hebt sich von den Grautönen des umliegenden Gesteins ab und ihre Blätter wirken erstaunlich fleischig in dieser kargen Landschaft. Sie leuchten vor sich hin inmitten dieses Geröllmeeres. Weil sie von den Gämsen gerne gefressen wird, erzählt man sich über sie, dass ihr Verzehr von Schwindel befreit. Weiter unten nimmt die Blütenpracht zu, die Vegetation erscheint mir üppiger als auf der anderen Seite des Passes. Oder ist es mein Blick, der sich verändert hat? Jede Passwanderung ist ein Übergang, führt vom Einen ins Andere. Mit ihr lassen wir Bekanntes zurück und begegnen Neuem. Unsere Umgebung verändert sich dabei. Und wir – Schritt für Schritt – mit ihr.

 

Die beschriebene Passwanderung verbindet Engstligental und Simmental: Sie beginnt bei der Schärmtanne in Adelboden und führt übers Furggeli durchs Färmeltal nach Matten im Simmental.

Angst*

Sich in einem Kreis von Frauen zusammenzufinden und gemeinsam eine Zeit lang Feuer zu hüten, knüpft an eine urmenschliche Tradition an. Sie öffnet einen Raum für das, was in dem Moment bewegt, erzählt, geteilt, verwandelt, erinnert und auch bewahrt, gepflegt und weitergegeben werden will.1 Geschichten verweben sich zu einem verbindenden Erzählgeflecht, das sich über Raum und Zeit weit aufspannt. So stelle ich es mir gerne vor. In diesem Geflecht finden sich emotionale Farbtöne und Schattierungen: Freude, Trauer, Überraschung, Wut und in einer Verlässlichkeit, die mich berührt, erschreckt und erschüttert: Angst.

 

Angst hat viele Gesichter. Sie zeigt sich etwa als Begleiterin von Frauen, die sich «allein in der Natur» bewegen. Mit ihr lässt sich ein vielschichtiges Terrain erkunden, besonders nachts und im Wald.2 Meine Aufmerksamkeit gilt hier den unscheinbaren Begriffen, die Geschichten von Frauen «allein in der Natur» erzählen – dem «Allein» und dem «In».

 

«In»
Bezogen auf das «In», lassen sich akkulturierte Mensch-Natur-, Hier-dort-, Innen-aussen-Grenzen rasch auflösen: Wenn wir unsere Körper als natürlich verstehen und mit ihnen «in» die Natur gehen, ergibt sich eine Schnittmenge aus Natur. Wenn Frauen sagen, dass sie Angst haben, sich allein «in» der Natur aufzuhalten, klingt eine vielsagende Doppeldeutigkeit an: Nicht nur die Angst, sich allein (nachts) in einem Naturraum wie dem Wald zu bewegen, sondern auch die Angst, sich mit einem Frauenkörper darin zu bewegen.
Es ist mitunter und oft die Angst vor männlicher Dominanz und Gewalt, die Frauen unabhängig von durchlebter Erfahrung begleitet. Oft tritt diese Angst im Gespräch tabuisiert und verschleiert auf, so, als wäre sie als Erzählfigur aus einem Märchen angebracht, aber nicht für die Beschreibung der Bilder, die sich im Innern einer emanzipierten Frau abspielen. Obwohl männliche Dominanz und Gewalt gegenüber Frauen in Episoden der Geschichte und auch in der Gegenwart systemisch und systematisch präsent und in vielen Facetten prägend waren und sind, geht es hier weder um die Rekonstruktion patriarchaler Dynamiken und deren Verurteilung noch darum, einen Biologismus zu suggerieren. Es geht vielmehr um den Horizont, der sich mit Blick auf die Doppeldeutigkeit öffnet, wenn Frauen(körper) in der Natur unterwegs sind, und um den sich daraus ergebenden ökoaktivistischen Fokus der Wiederaneignung des Naturraums.
Auf die Schnittmenge bezogen, fordert dieser Fokus nicht nur, dass sich Frauen frei in den sie umgebenden Landschaften – auch urbanen Räumen – bewegen, sondern auch, dass sie in ihren Körpern mit ihren zyklischen Gesetzmässigkeiten zu Hause und heimisch sein können. Ohne einen Anspruch auf Exklusivität und stereotype Weiblichkeit zementieren zu wollen, kann in Frauenkörpern der Rhythmus des Zyklischen tatsächlich in verlässlicher Art und Weise erfahren werden: Prägend für den Alltag jeder Frau ist ihr Monatszyklus. Viele von uns haben gelernt, über ihn zu klagen, stumm darunter zu leiden, zu versuchen, ihn zu beeinflussen und – eher seltener – im Einklang mit ihm zu leben und mit den verschiedenen Zuständen, die ihm innewohnen, mitzuschwingen.
Es sind Zyklen, die in sich den Prozess des Lebendigen, des immer wiederkehrenden Werdens und Vergehens bergen. Machen wir uns mit dieser Wahrheit vertraut, anstatt, so wie viele von uns – Frauen und Männer – es gelernt haben, sie zu ignorieren, zu verstecken, zu unterdrücken, zu verdrängen und zu negieren. Eignen wir uns das Zyklische als Metapher für Prozesse des Werdens und Vergehens wieder an, anstatt blind einer Linie des vermeintlich ewigen Werdens zu huldigen. Befreien wir unsere in dieser Wachstumslogik gefangene Erde und Frauen davon, ihre Zyklen als Bürde zu verstehen. Blenden wir das Vergängliche in unseren Beziehungen zur Erde und zu unseren Körpern wieder mit ein, denn es ist Voraussetzung für und Folge von Lebendigkeit. Wenn Frauen den Weg in die Natur wiederfinden, ergibt sich eine Schnittmenge aus Zyklen von Werden und Vergehen, die bestimmend sind für den Puls des Lebens.

 

«Allein»
Wir sagen, dass wir allein sind, und die meisten von uns beziehen sich damit auf die Abwesenheit anderer Menschen. Es ist eine Wahrnehmung, die sich ausschliesslich auf die soziale Welt bezieht – eine zutiefst anthropozentrische Perspektive, die alles Nicht-menschliche aus unserem Interaktionsfeld ausschliesst. Astrid Habiba Kreszmeier hat in Natur-Dialoge die Fülle von Beziehungen beschrieben, die jenseits dieser akkulturierten Grenze zwischen Mensch und Natur erfahrbar wird.
Auch wenn es paradox ist, ist es interessant, aus der sozialen Ebene auf das Phänomen des (idealisierten?) Alleinseins in der Natur zu schauen. Gerade in den Sommermonaten gibt es viele Angebote, die Menschen in die Natur begleiten. Formate wie Visionquests werben damit, dass Frauen und Männer eine gewisse Zeit lang in Abwesenheit von anderen Menschen in der Natur verbringen. So soll ein Nährboden für tiefe Erfahrungen bereitet werden, die Ausrichtung fürs Leben gibt. Diese Angebote schüren die Sehnsucht, allein in der Natur Wesentliches zu erfahren und mischen sich mit der in unserer Leistungsgesellschaft verbreiteten Vorstellung, dass Zeit für sich zu nehmen, etwas damit zu tun hat, sich aus sozialen Rollen und damit verbundenen Zuständigkeiten auszuklinken. Selbstsorge und persönliche Freiheit finden dann in der Freizeit und in Abwesenheit von anderen Menschen statt. Folgen wir van Schaiks und Michels Darstellung in Die Wahrheit über Eva (2020), waren in vorpatriarchalen Gemeinschaften jedoch gerade «Allianzen» unter Frauen ein wichtiger Garant für deren Sicherheit und Freiheit. Das systematische Untergraben dieser Allianzen hatte fatale Folgen für die Autonomie der Frauen und zwang sie in patriarchale Strukturen.
Um aus dieser Dynamik herauszufinden, bietet der Rückbezug auf vorpatriarchalische Gemeinschaftsformen hilfreiche Orientierung. Und diese lehrt: Natürliche Bewegung ist zyklisch und kollektiv – sympoietisch. Frauen bewegten sich in den sie umgebenden Landschaften natürlicherweise in Gruppen. Diese Gruppen waren ein Garant für ihre Autonomie.

 

Wenn Frauen sich also davor fürchten, im doppeldeutigen Sinne in die Natur zu gehen, dann gehen damit auf der individuellen Ebene körperliche Rhythmusstörungen einher. Zusätzlich verpassen wir auf der sozialen Ebene eine Gelegenheit, das Zyklische wieder stärker in unsere kollektive Wahrnehmung einzuverleiben und so aufgrund der Gesetzmässigkeiten unserer Körper mit den uns umgebenden Kreisläufen – Ökosystemen – mitzuschwingen.

 

1Vergl. Kreszmeier, Natur-Dialoge, 2021, p. 144f
2Vergl. zu den Qualitäten des Waldes Kreszmeier, Systemische Naturtherapie, 2019, p. 126ff

*Dieser Text ist im Zusammenspiel mit einer writing community entstanden, die für den Blog Wildes Weben des Carl Auer Verlags schreibt und im Juni 2022 erschienen.

Aufblühen

Es gibt Bäume, die ich besonders mag. Zum Beispiel alte Wettertannen. Manche von ihnen haben Äste, die bis zum Boden reichen. Wenn man von einer solch alten Tanne eingeladen wird, sich hinter ihren Ästen gemütlich am Stamm anzulehnen, wird man für die Aussenwelt unsichtbar. Gleichzeitig sieht man von drinnen alles. Im Frühling ist die beste Zeit, um Wettertannen zu besuchen, an ihren Stämmen zu lehnen, unter ihren Ästen zu liegen, weil dann noch keine Kühe weiden, die ebenfalls ihre Nähe suchen und den einladend nadligen Boden sofort in Matsch verwandeln.

Heute besuche ich eine alte Bekannte. Sie ist eine uralte Riesin, mächtig und mit dichtem Astwerk. Wenn man darunter liegt und hinaufschaut, ist es unmöglich, den Himmel zu sehen, weil sich davor knorrige nadlige Arme wild übereinander kreuzen. Sie hat einen rauhen, schuppigen Stamm und macht den Eindruck, als könne sie einiges aushalten und hätte schon alles erlebt. Etwas zerzaust und struppig ist sie, aber genau sie lädt mich ein an diesem Waldrand. Ich besuche sie seit ein paar Jahren, sitze bei ihr, mache ein Nickerchen bei ihren Wurzeln, lasse mir ihre Geschichten erzählen.

Heute ist der Himmel blau und die Frühlingssonne scheint. Frischer Schnee der letzten Tage liegt auf der Weide, aber um den Stamm ist der Boden trocken. Ich lege mich hin und schaue hinauf in die Äste. Die Anordnung dieser nur scheinbaren Unordnung fasziniert mich. Was ist ihr Geheimnis? Und dann plötzlich bemerke ich, dass es regnet. Es tropft von den Nadeln, feiner Sprühregen, rieselnde Eisklümpchen und ab und zu volle, fette Tropfen, so wie sie bei einem Sommergewitter als erste auf den Boden klatschen. Es rieselt und nieselt, platscht und plätschert in diesem wilden Astraum. Draussen brennt die Sonne auf die schneebedeckten Hänge und hier drinnen regnet es. Gleichzeitig. Aber irgendwie andersrum. Draussen ist drinnen. Wo sonst trocken ist, ist nun nass.

Dieses Getropfe im Tannenraum inmitten des Frühlingserwachens ist so wunderbar überraschend für mich, dass ich in die Äste hinauflache, die laufend neue Tropfen zu mir hinunterfallen lassen. Wie tausend Kristalle hängen sie in den Nadeln und die Sonne malt kleine Regenbogen hinein. Während ich mich berieseln und beplätschern lasse, erwacht in mir eine unbändige Lebensfreude. Ich schaue mich um und bemerke neben mir erste Blätter von wilden Erdbeeren, einen Nadelhaufen, in dem die Ameisen noch etwas langsam, aber zielstrebig herumkrabbeln, braune Gräser, die den neu nachwachsenden Schutz geben, eine Schlüsselblume, die nach dem Schneefall etwas welk, aber lebendig in der Landschaft steht. Die Wettertanne tränkt die frisch Erwachenden aus ihrem Nadeldach. Welch Glück, dass ich ausgerechnet heute zu Besuch gekommen bin, um bei Sonnenschein und Regen mitaufzublühen.

 

Geschichten ernähen

Heute habe ich es eilig nach Hause zu kommen weil ich weiss, dass dort etwas Besonderes auf mich wartet. Im Briefkasten. «Es bedeutet ihr sehr viel», hatte meine Freundin am Telefon zu mir gesagt und das gemeint, was sie mir hinterlegt hat. Ich beschleunige meine Schritte und versuche das Kopfkino zu zügeln, das in eine düstere Richtung galoppiert und den Schatz im Briefkasten auf bemerkenswert vielfältige Art und Weise abhanden kommen lässt.

*

Aufatmen. Im Briefkasten liegt eine Tasche und in ihm verpackt ein kleines Stück Leder von einem Reh. Es gehört Nadine. Sie hat es gerben lassen vor einiger Zeit und vertraut es mir an, um daraus etwas zu nähen. Eine Ehre. Eine Freude. Das kleine Stück Leder berührt mich sofort, noch bevor ich es auspacke. Es ist weich und leicht und zeigt deutlich die Spuren des Lebens, lässt erahnen, wie rau der Alltag dieser Tiere ist: Kratzer, Insektenstiche, Narben. Die Haut eines Rehs erzählt eine ganz andere Geschichte als die Haut einer Ziege, die ihr Leben lang auf einer Alpwiese frische Bergkräuter gefressen und den Winter im geschützten Stall verbracht hat.

*

Später, als ich Nadine bei einer Tasse Tee kennenlerne, erzählt sie mir, wie sie zu diesem Leder gekommen ist: In der Nähe ihres Hauses begegnete sie auf einem Spaziergang einem Jäger mit dem frisch erlegten Reh. Als sie miteinander ins Gespräch kamen, erfuhr sie, dass die Haut dieses Tieres ihre Bestimmung als Hundefutter haben sollte. Nadine bat um die Haut und der Jäger schenkte sie ihr. Eine Gerberei nahm den Auftrag an, die Rehhaut für sie aufzubereiten und so schickte sie ein Päckchen mit dem Fell auf die Reise.

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Nadine hat viele Berufe, Werk- und Wirkstätten. Unter anderem ist sie Designerin und Imkerin. In ihrer aktuellen Stoffkollektion spielt sie mit den Formen der Bienenwabe.* Ich bin begeistert von den Geschichten, die sie mir an diesem Nachmittag erzählt. Begeistert von Nadines Leidenschaft für altes Handwerk und ihrem forschenden Zugang zu den Traditionen des Webens, Töpferns, Drechslerns. Sie erzählt von ihrer Faszination für geflochtene Handbesen, für gedrechslerte Gefässe aus alten Bäumen, für die Zentriertheit, die sie erlebt beim Drehen von Ton, der Schönheit, die sie in Formen, Farben und ihren unzähligen Kombinationen findet, dem Zauber des Moments, in dem sie einem besonderen Werkstück begegnet oder es sich ihr selbst bei der Arbeit mit den unterschiedlichsten Materialien erschliesst.

*

Ein paar Wochen später hat sich das Rehleder zwischen meinen Händen in ein kleines Täschchen verwandelt. Beim Nähen sind der Wald, das Reh, der Jäger, Nadine immer wieder in meinen Gedanken aufgetaucht und haben sich in Bildern und Fragmenten von Geschichten eingemischt. Wo kommen diese Gedanken und Bilder her, habe ich mich gefragt. Es fühlte sich irgendwie so an, als würde mir das Leder, diese Haut beim Nähen davon erzählen, so dass ich hineingezogen wurde, Teil von etwas und etwas Teil von mir. Ein unglaublicher Gedanke und ein Wagnis, ihn in Worte zu fassen.

*

Für mich ist klar, dass ich Nadine das fertig genähte Ledertäschchen vorbeibringe. Ich möchte die Landschaft besuchen, in der das Reh gelebt hat, in der es erlegt wurde, in der Nadine dem Jäger begegnet ist. Und so fahre ich hin und begegne einem Haus am Waldrand, einer Weitsicht, die das Auge einlädt zwischen Bergen und Seen zu schweifen, einem wilden Garten, der noch im Winterschlaf liegt, den Bienen, die an diesem sonnigen Frühlingstag benommen um das Haus summen, Nadines Sammlung von schönen Sachen aus aller Welt, einem süssen, selbst gebackenen Apfelkuchen. Ich fühle mich reich beschenkt in diesem Moment und staune über die Episode dieser Geschichte, in die ich auf wundersame Weise hineingeraten bin. Und plötzlich, als ich mit Nadine auf der sonnigen Terasse sitze und hinüber zum Wald blicke, der hinter dem Haus liegt, wird mir bewusst, wie mannigfaltig das Netz von Verbindungen ist, in das ich eingewoben bin. Dieser Ort, der Wald, das Reh, der Jäger, Nadine, sie haben nun mit mir zu tun. Und ich mit ihnen.

*Zu Nadine’s Schaufenster gehts hier.

Von oben

Der Gedanke in den Bergen eine Pension für Frauen zu eröffnen kam von oben. Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass ich weder an Gott glaube noch daran, dass man beim Universum irgendetwas bestellen kann. Die Richtung aber war klar: Der Gedanke flog mir zu, von oben – aus der Luft, habe ich damals gedacht. Heute gefällt mir die Vorstellung, dass die Gämsen damit zu tun hatten. Und so lässt sich diese Geschichte schön spinnen:

Es war ein klirrend kalter Schneetag Ende März. Ein beissender Wind wehte über das Plateau und die Sonne stand blass am Himmel. Ich drehte eine Runde mit den Langlaufskis, an diesem Ort, der dem Himmel so nahe ist, dass manche phantasieren, hier sei die Schwelle ins Jenseits. Von unten im Tal sieht es manchmal so aus, als würde dort oben ein besonderes Licht scheinen: Gleissend hell und unerreichbar. Zumindest wenn man die Seilbahn wegdenkt.

*

Die Engstligenalp liegt in einer Bergarena und ist zum Tal hin begrenzt durch eine steil abfallende Felswand. Sobald der Schnee geschmolzen ist, klettern Älpler*innen mit ihrem Vieh über einen schmalen Zickzackweg die Wand hoch, um oben den Sommer zu verbringen. Die Wand ist mörderisch steil und an ihrem Fuss weist eine Tafel in einer schaurigen Statistik die Zahl der Tiere aus, die über die Jahre hinweg bei diesem schwindelerregenden Gang in den Tod gestürzt sind.

*

Im Frühjahr, wenn der Schnee im Tal schmilzt, ist die Engstligenalp ein beliebtes Skigebiet. Der Schnee bleibt lange auf dieser Höhe und die im Winter weitgehend im Schatten liegenden Pisten werden von der Frühlingssonne gewärmt. Die Skisportler, Tourenfahrerinnen, Langläuferinnen und Spaziergänger bleiben, obwohl zahlreich, nur kleine Punkte im weit ausgedehnten Weiss dieser gewaltigen Bergarena. Wie Ameisen. Dass es viele sind, davon zeugen ihre schwungvollen Spuren an den umliegenden Schneehängen und die Schlange, die sich am späten Nachmittag vor der Gondel bei der Talfahrt bildet.

*

Ich weiss nicht genau, ob die Gämsen auch im Winter da oben in den Felsen wohnen. Weit oberhalb der letzten Masten der Skilifte habe ich sie im Sommer gesehen und gehört und mich davor gefürchtet, von einem Stein erschlagen zu werden. Die Gämsen turnten am Fels über unseren Köpfen und lösten dabei Steinbrocken, die zu uns herunter rollten. Dort oben ist die Landschaft wild und ungezähmt. Davon erzählen die Geschichten, die für den alpinen Raum typisch sind.

*

Es sind diese Geschichten, die mich den Gämsen auf die Spur führten und mein Gefährte, der mir einen wichtigen Hinweis im richtigen Moment gab. Damals wusste ich schon, dass ich in die Berge ziehen und dort eine kleine Pension für Frauen betreiben würde. Ich arbeitete mit einer Designerin an einem Logo für den Betrieb und hatte ein paar schöne Ideenskizzen vor mir liegen.* Als ich sie meinem Vertrauten zeigte, schüttelte er den Kopf und sagte zu mir: «Das kannst du nicht hier am Schreibtisch machen. Du musst hinfahren, dich dort umschauen und genau hinhören.» Er hatte recht. Und so zog ich los, raus aus der Stadt, hinauf in die Berge, so wie ich es schon seit vielen Jahren tue und jedes Mal das Gefühl habe, erst dann richtig atmen zu können, wenn die Bäche nicht mehr in ein strenges Bett gezwungen werden. Dort, wo sich die Strassen den Bachläufen anpassen und nicht andersrum.

*

Stundenlang streunte ich durch eine Landschaft, die auf den Winter wartete. Ich folgte dem ausgetrockneten Bett eines Bachlaufs, durch das bei der Schmelze grosse Massen von Schnee talwärts geflossen sind. Riesige Gesteinsbrocken lagen in wilder Unordnung übereinander und erzählten von der gewaltigen Kraft des Wassers, das sie mühelos talwärts schiebt, so dass man das Rumpeln von weit weg hört. Ich besuchte den zusammengeschrumpften Kegel einer Lawine, die im vergangenen Winter einen ganzen Landstrich von Bäumen in der Mitte geknickt hatte. Wie abgebrochene Zündhölzer standen die Fichten da – Zeuginnen einer elementaren Kraft, die ungebändigt aus dem Weg räumt, entwurzelt, zerfetzt. Die Berglandschaft zeigte sich roh und es ist genau diese rohe Schönheit, die ich so liebe.

*

Auf einmal dämmerte es mir, dass es die Gämsen sind, die sich hier oben besonders gut auskennen, die angepasst sind an die Lebensbedingungen in dieser Grenzzone. Die Gämsen werden seit langer Zeit bewundert und verehrt für ihre schwindelfreie und trittsichere Bewegung am Fels. Sie tauchen in der Mythenwelt der Hochalpen als Gefährtinnen der Bergfrauen auf, stehen unter dem Schutz der Saligen, der Frauen, die in den Gletschern wohnen und das Gleichgewicht von Geben und Nehmen in dieser Landschaft hüten.**

La chamoise – die Gämsin – entlehnt ihren Namen aus diesen Bezügen zur alpinen Landschaft und knüpft an die Mythenwelt an, die diesen Raum bis heute miterzählen.

*Das la chamoise Logo und Design ist aus der feinen Feder von Liechti Design. Danke Christina!

**Hans Haid, Mythen der Alpen. Von Saligen, Weissen Frauen und Heiligen Bergen, Böhlau Verlag: Wien 2006.

Hautsachen

Wie riecht die Haut eines Tieres? Eines Tieres, das nicht mehr darin wohnt? Und, wie lange kann man diese Haut aufbewahren, bevor sie gegerbt werden muss? Noch nie haben sich mir ähnliche Fragen gestellt wie in diesen Herbsttagen. Aber jetzt beschäftigen sie mich. Sehr sogar. Die Werkzeuge, die sonst gut zur Recherche taugen, geben nun keine Antworten, die mich zufrieden stellen. Und die Menschen, die Antworten hätten, sind eher wortkarg, weil es zu ihren Wesen zu gehören scheint, nicht viel über das zu reden, was für sie selbstverständlich ist. Mal schauen, denke ich und stelle fest, dass es vielmehr der Geruch ist, der mir Sorge bereitet, nicht das Schauen. Der Geruch der Haut eines Tieres, das nicht mehr darin wohnt – dieser Haut, die später, wenn sie Leder ist, und ich sie zu einer Tasche zusammennähen kann, so wunderbar riecht.

*

Kurz bevor ich losfahren will, klingelt das Telefon. Das Display kündigt meinen Schwager an, mit dem ich an diesem Morgen verabredet bin. «Die Felle sind weg», sagt er, «du musst nicht fahren.» Nein, denkt es mir, das darf nicht wahr sein. Mein Schwager ist Jäger und war bereit, für mich Felle der diesjährigen Gamsjagd zu organisieren. Die Gamsjagd ist bereits vorbei. Und das bedeutet: Kein Gämsleder für meine Werkstatt bis zur nächsten Jagdsaison. «Okay», sage ich, «was ist passiert?» «Wahrscheinlich hat jemand den Sack entsorgt.» Was ich in diesem Moment nicht wahr haben will, ist eigentlich nichts Aussergewöhnliches. In der Schweiz ist die Haut der Tiere, die auf der Jagd erlegt werden, grösstenteils Abfall. Als ich das zum ersten Mal hörte, konnte ich es kaum glauben. Es erschien mir unmöglich. «Blöd, wegen dem Mobility», sagt mein Schwager und holt mich von meinem Gedankenausflug ans Telefon zurück. «Nein, nein», sage ich und, «kein Problem, ich habe das Auto einer Freundin.» Meine Freundin hatte mir ihr Auto ohne mit der Wimper zu zucken für diesen Transport ausgeliehen, weil es mir irgendwie unbehaglich war, ein Mobility dafür zu mieten. Warum eigentlich, frage ich mich jetzt?

*

Eine halbe Stunde später fährt mich das Auto meiner Freundin Richtung Berner Oberland. Mein Schwager hat die Felle doch noch gefunden und mich noch einmal angerufen. Etwas aufwieglerisch fühlt sich mein Inneres an, und ich hoffe, dass sich mein Magen so verhält, wie er das normalerweise tut. Haut ist etwas Besonderes. Das Ausmass dieser Besonderheit hat sich in den letzten Monaten langsam in meinem Bewusstsein ausgedehnt. Haut ist die Hülle unseres Körpers, unser «Reisesack des Lebens», wie Musil schrieb. Sie hat etwas mit der, unserer, Grenze zwischen Innen und Aussen zu tun. Wir sagen, dass wir uns wohl fühlen in unserer Haut. Oder unwohl. Oder aus ihr fahren könnten. Wir verstehen sie als eine Art Membrane und sagen, dass uns etwas unter die Haut geht. Diese Membrane und ihre Durchlässigkeit wurde und wird von Menschen in verschiedenen Epochen und Kulturen unterschiedlich verstanden und erzählt. Das widerspiegelt sich nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Heilkunst.*

*

Ein Bahnhofparking in den Bergen ist der Ort eines Tausches, für den mir im Vorfeld jede mir bekannte Währung unpassend erschien. Ich bin dankbar, einen Tauschpartner zu haben, der mir sagen konnte, was der Situation angemessen ist und tausche nun zwei Kisten Bier gegen drei frische Gämsfelle. So haben wir es vereinbart. Ich muss mich überwinden, den Sack anzufassen, der die Häute enthält und fühle mich wie eine Städterin, die ich ja auch bin, inmitten dieser rauhen Landschaft, in der die Häute bis vor kurzem noch mit den drei Gämsen durchs Leben gereist sind. Lost in Translation. Verloren in der Übersetzung. So könnte der Titel der Szene lauten, in der ich auf dem Bahnhofparkplatz zu navigieren versuche. Welche Geschichte wird hier erzählt? In welcher Logik, Struktur, Sprache? Wie kann das Alles zusammengebracht werden: die Gämsen, der Jäger, ich, das Auto, der verlorengegangene und wiederaufgetauchte Sack mit den Häuten?

*

Als ich mit dem Auto meiner Freundin und dem Sack hinten im Kofferraum losfahre, wage ich nicht, die Heizung aufzudrehen. Ich schnuppere vorsichtig nach meiner Fracht, die mir äusserst kostbar und höchst eigenartig zugleich erscheint. Nichts. Während der Fahrt kreisen meine Gedanken um diesen Sack, der in mir eine überraschende Hilflosigkeit auslöst, so dass mir gleichzeitig nach Lachen und Weinen ist. Erst später, als ich die Häute in der Gerberei in kundige Hände gegeben habe und die Heizung das Innere des Autos und auch meines wieder aufwärmt, breitet sich Erleichterung aus. Unterwegs halte ich an einem Waldrand an und gehe ein paar Schritte hinein. Da plätschert mir munter ein Bach entgegen und ich tauche meine Hände hinein. Kühl fühlt sich das Wasser an. Ich beobachte, wie sich meine Hände vom kalten Wasser langsam rot verfärben und habe das Gefühl, diese, meine, Haut heute zum ersten Mal richtig wahrzunehmen.

*Martin Koradi, Phänomen Haut. Die Haut im Wandel der Zeit, 2008.