Jedes Mal wenn ich hier bin, drehe ich mich im Kreis. Ich finde weder rein, noch raus. Verliere die Orientierung. Meine Freundin auf dem Beifahrersitz schaut ratlos aufs Navi. Kann es sein, dass uns diese an einem verlassenen Acker entlang führende Strasse tatsächlich dorthin bringt, wo wir wollen? Es erscheint uns höchst unwahrscheinlich. Und genau so fühlt es sich jedes Mal an hier im Emmental. Ein Labyrinth, das immer wieder anders ausschaut und sich gleichzeitig zum Verwechseln ähnlich sieht. Oben und unten, links und rechts, Hügel um Hügel. Sind wir da nicht schon mal durchgekommen?
Auf dieser Strecke sind wir unterwegs, um Häute von Tieren der diesjährigen Jagd nach Huttwil in die Gerberei zu bringen. Und, um ein paar sonstige Einkäufe zu machen. Das Emmental hat die Sorte von Geschäften, die mich interessieren – ansonsten würde ich wahrscheinlich nicht herkommen. Die Land- und Ortschaften hier drücken aufs Gemüt. Mir zumindest. Aber die Reise lohnte sich bis jetzt immer – auch heute.

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Die Gerberei ist in einem Haus beherbergt, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Ein paar einsame Schaffelle schaukeln neben dem Eingang im Wind. Die Tür ist abgeschlossen. Wahrscheinlich würde ich wieder gehen, wenn ich nicht wüsste, dass hinter der Tür Menschen arbeiten, die bis jetzt immer freundlich zu mir waren. Ich klingle. Und wie jedes Mal, wenn ich hier eintrete, begleitet mich eine Ahnung über die Schwelle, dass dieser Handwerksbetrieb in nicht allzu ferner Zukunft seine Türen für immer schliessen wird. Schwer vorstellbar, dass sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl für ein Gewerbe begeistern, das seinen Platz seit jeher am Rande der Gesellschaft hat. Zu roh ist es für die allgemeine Verträglichkeit, zu nahe seine Beziehung zur Vergänglichkeit. Manche Gerüche und Anblicke, die einem hier begegnen, sind schwer zu ertragen. Trotzdem komme ich immer wieder her, stelle Fragen und bekomme Antworten, die ich bemerkenswert finde. Die Menschen, die hier arbeiten, lesen die gegerbten Häute wie Landkarten: Sie erklären mir, dass die Haut eines Hirsches im Winter dünner ist als im Sommer, sie zeigen auf den fertig gegerbten Ledern Einschüsse und Schwangerschaftsstreifen, streichen mit den Händen über Verletzungen von Dornen und Stacheldraht und machen auf die Spuren der Hirschfliege im Nacken eines Rehs aufmerksam. Seit ich herkomme, fasziniert mich, wie die Leder die Leben der Tiere erzählen. Und, ich bin berührt, wenn ich ihre Haut und ihre Felle berühre. Es ist, als wäre ihr Leben noch darin eingeschlossen.

Ein unscheinbares Haus ein paar Hügel und Täler weiter beherbergt einen anderen Schatz von eindrücklichem Ausmass: Wir gehen durch ein Lager, in dem 20 000 Artikel in Regalen links und rechts von uns gestapelt sind. Meterhoch türmt sich die Ware auf – Artikel, die alle etwas mit Schuhen zu tun haben. Und: Sie sind alle von Hand beschriftet. Wir können es kaum fassen. Weil unser Einkaufswunsch vergleichsweise klein ist und unsere Legitimität hier zu sein dementsprechend begrenzt, fragen wir, ob wir uns trotzdem ein wenig in dieser Sammlung umsehen dürfen. Wir dürfen und zücken wie aus Reflex unsere Handys, um diese aussergewöhnliche Begegnung festzuhalten, die wir unmöglich überblicken können. Es fühlt sich ein wenig verboten an, zu fotografieren, vielleicht so, wie in einem Museum. Und natürlich schaffen es auch unsere Handys nicht, einzuordnen, was uns gerade so beeindruckt. Ist es die Anzahl der Artikel oder die Handschrift, mit der sie akribisch beschriftet wurden? Oder dieser Raum, der, ausgerechnet inmitten des labyrinthischen Emmentals von einer eigenwilligen Ordnung erzählt.

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Meine Freundin und ich sind uns einig: Zusammen mit den alten Handwerkstraditionen wohnt dem Emmental etwas Düsteres inne. Es ist schwer auszumachen, woher es kommt. Ob es die Geschichte ist, die den Menschen und dieser Landschaft eingeschrieben ist? Die bhäbigen Bauernhäuser mit ihren kleinen Fenstern und den Dächern, die fast bis zum Boden reichen und die Dunkelheit, die sich in ihrem Innern erahnen lässt? Der begrenzte Horizont in den schattigen Tälern? Als uns im Schuhbedarfslager ein uns unbekanntes Wort begegnet, das im Jargon der Schuhmacherei anscheinend so geläufig ist, dass es einen Stempel dafür gibt, müssen wir lachen. Momentschwärze. Ein Begriff, der atmosphärisch verstanden sehr gut hierher passt und gleichzeitig den wertvollen Hinweis gibt, dass jeder Moment von einem anderen abgelöst wird.

Credits und Dank:

Sue für die Begleitung an abgelegene Orte und das Teilen der Begeisterung für wundersame Begegnungen.

Der Gerberei Graber in Huttwil für das Hüten eines alten Handwerks und der Siegenthaler AG für den Einblick in das sorgfältig gepflegte Lager.

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