Der Gedanke in den Bergen eine Pension für Frauen zu eröffnen kam von oben. Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass ich weder an Gott glaube noch daran, dass man beim Universum irgendetwas bestellen kann. Die Richtung aber war klar: Der Gedanke flog mir zu, von oben – aus der Luft, habe ich damals gedacht. Heute gefällt mir die Vorstellung, dass die Gämsen damit zu tun hatten. Und so lässt sich diese Geschichte schön spinnen:

Es war ein klirrend kalter Schneetag Ende März. Ein beissender Wind wehte über das Plateau und die Sonne stand blass am Himmel. Ich drehte eine Runde mit den Langlaufskis, an diesem Ort, der dem Himmel so nahe ist, dass manche phantasieren, hier sei die Schwelle ins Jenseits. Von unten im Tal sieht es manchmal so aus, als würde dort oben ein besonderes Licht scheinen: Gleissend hell und unerreichbar. Zumindest wenn man die Seilbahn wegdenkt.

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Die Engstligenalp liegt in einer Bergarena und ist zum Tal hin begrenzt durch eine steil abfallende Felswand. Sobald der Schnee geschmolzen ist, klettern Älpler*innen mit ihrem Vieh über einen schmalen Zickzackweg die Wand hoch, um oben den Sommer zu verbringen. Die Wand ist mörderisch steil und an ihrem Fuss weist eine Tafel in einer schaurigen Statistik die Zahl der Tiere aus, die über die Jahre hinweg bei diesem schwindelerregenden Gang in den Tod gestürzt sind.

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Im Frühjahr, wenn der Schnee im Tal schmilzt, ist die Engstligenalp ein beliebtes Skigebiet. Der Schnee bleibt lange auf dieser Höhe und die im Winter weitgehend im Schatten liegenden Pisten werden von der Frühlingssonne gewärmt. Die Skisportler, Tourenfahrerinnen, Langläuferinnen und Spaziergänger bleiben, obwohl zahlreich, nur kleine Punkte im weit ausgedehnten Weiss dieser gewaltigen Bergarena. Wie Ameisen. Dass es viele sind, davon zeugen ihre schwungvollen Spuren an den umliegenden Schneehängen und die Schlange, die sich am späten Nachmittag vor der Gondel bei der Talfahrt bildet.

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Ich weiss nicht genau, ob die Gämsen auch im Winter da oben in den Felsen wohnen. Weit oberhalb der letzten Masten der Skilifte habe ich sie im Sommer gesehen und gehört und mich davor gefürchtet, von einem Stein erschlagen zu werden. Die Gämsen turnten am Fels über unseren Köpfen und lösten dabei Steinbrocken, die zu uns herunter rollten. Dort oben ist die Landschaft wild und ungezähmt. Davon erzählen die Geschichten, die für den alpinen Raum typisch sind.

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Es sind diese Geschichten, die mich den Gämsen auf die Spur führten und mein Gefährte, der mir einen wichtigen Hinweis im richtigen Moment gab. Damals wusste ich schon, dass ich in die Berge ziehen und dort eine kleine Pension für Frauen betreiben würde. Ich arbeitete mit einer Designerin an einem Logo für den Betrieb und hatte ein paar schöne Ideenskizzen vor mir liegen.* Als ich sie meinem Vertrauten zeigte, schüttelte er den Kopf und sagte zu mir: «Das kannst du nicht hier am Schreibtisch machen. Du musst hinfahren, dich dort umschauen und genau hinhören.» Er hatte recht. Und so zog ich los, raus aus der Stadt, hinauf in die Berge, so wie ich es schon seit vielen Jahren tue und jedes Mal das Gefühl habe, erst dann richtig atmen zu können, wenn die Bäche nicht mehr in ein strenges Bett gezwungen werden. Dort, wo sich die Strassen den Bachläufen anpassen und nicht andersrum.

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Stundenlang streunte ich durch eine Landschaft, die auf den Winter wartete. Ich folgte dem ausgetrockneten Bett eines Bachlaufs, durch das bei der Schmelze grosse Massen von Schnee talwärts geflossen sind. Riesige Gesteinsbrocken lagen in wilder Unordnung übereinander und erzählten von der gewaltigen Kraft des Wassers, das sie mühelos talwärts schiebt, so dass man das Rumpeln von weit weg hört. Ich besuchte den zusammengeschrumpften Kegel einer Lawine, die im vergangenen Winter einen ganzen Landstrich von Bäumen in der Mitte geknickt hatte. Wie abgebrochene Zündhölzer standen die Fichten da – Zeuginnen einer elementaren Kraft, die ungebändigt aus dem Weg räumt, entwurzelt, zerfetzt. Die Berglandschaft zeigte sich roh und es ist genau diese rohe Schönheit, die ich so liebe.

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Auf einmal dämmerte es mir, dass es die Gämsen sind, die sich hier oben besonders gut auskennen, die angepasst sind an die Lebensbedingungen in dieser Grenzzone. Die Gämsen werden seit langer Zeit bewundert und verehrt für ihre schwindelfreie und trittsichere Bewegung am Fels. Sie tauchen in der Mythenwelt der Hochalpen als Gefährtinnen der Bergfrauen auf, stehen unter dem Schutz der Saligen, der Frauen, die in den Gletschern wohnen und das Gleichgewicht von Geben und Nehmen in dieser Landschaft hüten.**

La chamoise – die Gämsin – entlehnt ihren Namen aus diesen Bezügen zur alpinen Landschaft und knüpft an die Mythenwelt an, die diesen Raum bis heute miterzählen.

*Das la chamoise Logo und Design ist aus der feinen Feder von Liechti Design. Danke Christina!

**Hans Haid, Mythen der Alpen. Von Saligen, Weissen Frauen und Heiligen Bergen, Böhlau Verlag: Wien 2006.

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